Ende einer Laufbahn (zweite Fassung, 1983) 

Von Felix Feigenwinter

 

Einen Bürolisten namens Stefan Huber drängte es nach Jahre langem pflichtbewusstem Angestelltendasein zur Selbstfindung, und er beschloss, sein Leben zu ändern. Eine ebenso emsige wie einsame Freizeitbeschäftigung versetzte  ihn nächtelang in leidenschaftliche Spannung, bis er jeweils im Morgengrauen erschöpft aufs Bett sank, um nach kurzem, fiebrigem Schlaf seiner Erwerbsarbeit nachgehen zu können, als ob nichts geschehen wäre. Dreihundertdreizehn eng beschriftete Schreibmaschinenblätter belagerten schliesslich das Freizeitpult des Unverheirateten; endlich konnte er sich mit dem Gedanken befassen, das Ergebnis seines bisher geheimgehaltenen nächtlichen Treibens dem Licht der Oeffentlichkeit auszusetzen. Bevor er den Text einem Buchverlag anbieten wollte, wünschte er die Früchte seiner heimlichen Leidenschaft einem Leser seines Vertrauens zu unterbreiten. Zwar zweifelte er nicht im geringsten daran, es sei ihm ein bedeutendes Werk geglückt, aber er hielt es doch für ratsam, zu prüfen, ob auch ein anderer dies ohne weiteres zu erkennen vermöge.

Seinen Schatz packte er an einem dienstfreien Tag in eine Ledermappe, die er eigentlich gekauft hatte, um das Lehrmaterial für die Weiterbildungskurse zu verstauen, die er früher besuchen wollte, um die Kenntnisse für die Arbeit am Computer zu vertiefen, was man ihm fürs berufliche Weiterkommen als unentbehrlich nahegelegt hatte. Eigensinnig entschied er sich dann aber für die Arbeit auf seiner altmodischen Schreibmaschine in der stillen Mansardenwohnung.

Erwartungsfroh lenkte er nun seine Schritte in einen ihm vertrauten Altstadtwinkel, wohin es ihn in den schöpferischen Pausen seines Freizeitwirkens immer wieder hingezogen hatte, weil dort eine Weinstube zum Verweilen lud, wo Künstler verkehrten. In deren Gesellschaft wähnte er sich heimischer als zwischen den Buchhaltern und Sachbearbeitern, welche das Grossraumbüro bevölkerten, wo er seine alltägliche monotone Erwerbsarbeit verrichtete.

Es war ein herbstlicher Samstag; der Jahrmarkt mit seinen bunten Schaubuden, Ständen und Karussellen belebte die Stadt. Huber betrachtete diese Kulisse als passend für seinen Aufbruch in eine neue Lebenssituation, für den Beginn seiner Laufbahn als Schriftsteller - als Künstler.

In der Weinstube, wo er mit seiner Mappe am frühen Nachmittag eintraf, tummelten sich erst wenige Gäste. Immerhin entdeckte er am Stammtisch den weit über die Stadt-, ja Landesgrenzen hinaus bekannten Schauspieler Grass, der ihm auch sofort aufmunternd zunickte, obwohl Huber mit dem Mimen bisher nie ein Wort zu wechseln gewagt, sondern ihn stets nur als gelegentlicher Gast in der Weinstube verstohlen beobachtet und bewundert hatte. Mit dem vollendeten Roman in der Tasche streifte der heimliche Autor seine Schüchternheit zum erstenmal ab. Obwohl ihn noch niemand als Künstler zu erkennen vermochte, strebte er nun schnurstracks auf den fröhlichen Weintrinker zu und begrüsste ihn wie einen alten Bekannten, was die hinter der Theke hantierende Wirtin zu irritieren schien. Jedenfalls verfolgte sie das veränderte Verhalten des bis anhin so selbstgenügsamen, ja scheu an einem kleinen Ecktisch sein Einerli schlürfenden Gelegenheitsgastes mit misstrauischen Blicken. Grass hingegen schien das Auftauchen des verwandelten Bürolisten am Künstlertisch als anregende Abwechslung zu geniessen; er hiess den Neuankömmling lebhaft willkommen und lud ihn zu einem Waadtländer Weissen ein.

Huber seinerseits anvertraute dem Schauspieler das grosse Glück: Der Roman, an dem er seit langem fast jede Nacht verbissen gearbeitet habe, läge nun endlich druckreif in dieser Mappe, bereit, fotokopiert und an einen Verlag verschickt zu werden. Grass mimte begeisterte Anteilnahme; er wollte das Werk des bisher verkannten Dichters sofort kritisch begutachten, und so begannen sie zu lesen: zuerst Grass, dann Huber, manchmal auch zu zweit die selbe Seite. 

Der Abend kroch herein, und in seinem Schatten schwankte ein angetrunkener Kunstmaler in die Kneipe, gesellte sich zu den beiden Lesenden, trank mit ihnen und begann, in seiner bekannten Art, die im Lokal befindlichen Gäste zu zeichnen; die Skizzen verteilte er den Porträtierten, oder er zerknüllte sie, wenn sie ihm missraten schienen, und warf sie unbeachtet unter den Tisch. So ging das stundenlang, bis Huber um Mitternacht den Künstlerfreunden "Lebtwohl!" zurief und in die kalte Herbstnacht tauchte.

Erst später, auf dem verstummten Jahrmarkt, zwischen den vermummten Verkaufsbuden, beschlich ihn das helle Entsetzen: Wo war sein Roman?! Er untersuchte den Weg zurück bis zur Weinstube, in der verschwommenen Vorstellung, die hundertdreizehn Seiten seien unterwegs auf die Strasse gefallen, aus der offenen Ledermappe, die jetzt schlaff an seiner Hand hing. Nun wimmelte es zwar von Papieren auf dem nächtlichen Boden, von weggeworfenen Kastanien- und Magenbrottüten, Zigarettenpäcklein und Papiertaschentüchern, Tramkarten und Zeitungen; der Roman war nicht darunter. Am Morgen stand er, ein banger Hoffender, vor der Tür der Weinstube - der erste Gast. Erfolglos!

Huber dämmerte es: Die Porträts! Der gutmütige Malerfreund, der so leicht in Tränen ausbrach, hatte die Porträts, die er in seinem Bescherungsrausch fortlaufend an die weinseligen Gäste verteilte, auf die Rückseiten der hundertdreizehn Schreibmaschinenblätter gezeichnet. Weder Täter noch Opfer hatten das Verhängnis erkannt, ganz zu schweigen von den übrigen Betrunkenen.

 

So endete die Laufbahn des Schriftstellers Stefan Huber, bevor sie richtig begonnen hatte.