Von menschlichen Allesfressern und spezialisierten Körnerfressern

Von Felix Feigenwinter

 

Es gibt eine wissenschaftliche These, wonach die Gattung Mensch nur deshalb durchsetzungsfähig sei, weil sie sich zum Allesfresser entwickelt hat. Während zum Beispiel ein Tier, das sich auf das Fressen von Eukalyptusblättern spezialisiert, in eine Sackgasse gerät, weil es keine Überlebenschancen hat, wenn die Futterpflanze ausstirbt, beginnt der Allesfresser, etwas anderes auszuprobieren. Indem wir (das heisst unsere legendären Vorfahren) die Härten der Jagd auf uns nahmen, schlugen wir unseren Vettern, den grossen Affen, ein Schnippchen. Die Affen haben nie eine ausgeprägte Fleischfresserphase in ihrer Entwicklung gekannt, und infolgedessen schrumpft ihre Zahl heute von Jahr um Jahr. Unsere Zahl dagegen wächst weltweit auf alarmierende Weise!

Die Überlegenheit des Menschen im Essensspiel ist unübertrefflich. Die Wissenschaft kennt keine andere Art, die so viele Dinge auf so viele verschiedene Arten isst, und es gibt keine organische Substanz, die nicht irgendwann und irgendwo von einem Menschen als Nahrung angesehen worden ist. Dass unser allumfassender Appetit für unsere Entwicklung auch weiterhin entscheidend ist, zeichnet sich ab. Und zwar in zweierlei - merkwürdigerweise sich krass widersprechender - Hinsicht. Weltweit findet eine Bevölkerungsexplosion statt, die katastrophal enden könnte, falls der triebhaften Vermehrung nicht mit vernünftigen Mitteln entgegengesteuert wird. Doch im kleinen - auf einem winzigen Fleck des Erdballs - entwickelt sich auch das Gegenteil:

Das Schweizer Volk wird kleiner und kleiner und droht schliesslich auszusterben!

Zu dieser dramatischen Folgerung kommt die Studie, welche die Kommission für Bevölkerungspolitik der Studiengruppe Demographie der Schweizerischen Gesellschaft für Statistik und Volkswirtschaft in Bern vorgestellt hat. Verständlich, dass nun herausgefunden werden soll, mit welchen Tricks der global doch so üppig spriessende Vermehrungstrieb mehr nach Mitteleuropa verlagert werden könnte... Dabei geht es ja nicht darum, unsere Parlamente und den Bundesrat zu einer mehr sexualstimulierenden Politik anzutreiben, denn die Lust auf derartige Betätigung scheint auch in der Schweiz noch keineswegs versiegt zu sein. Nein, die Eidgenossin und der Eidgenosse müssten vielmehr dazu motiviert werden, beim sogenannten Liebe-Machen mindestens so intensiv die Bedürfnisse der Nation zu berücksichtigen wie die eigenen beziehungsweise die des Gespielen oder der Gespielin.

Die Empfehlung, Schallplatten mit einer besonders brünstigen Ausgabe der Nationalhymne unters Volk zu streuen, scheint daher gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, welch hervorragende Rolle Musik heute im erotischen Leben gerade der jüngeren Generation zu spielen pflegt. Ob solche Stimulanz zum nationalen Zeugungswillen bei der einheimischen chemischen Industrie auf Begeisterung stossen würde, muss allerdings bezweifelt werden - nicht zufällig spricht man im Zusammenhang mit dem Geburtenrückgang, der in den sechziger Jahren einsetzte, vom "Pillenknick".

Und da wären wir nun schon wieder bei der Problematik des Allesfressers! Die Neigung - und Fähigkeit beziehungsweise Möglichkeit - , alles zu fressen, hat die Schweizerin und den Schweizer also gewissermassen in die bevölkerungspolitisch so kritische Situation geführt. Im Kanton Basel-Stadt etwa, dem Eldorado der chemischen Industrie, ist der menschliche Bevölkerungsrückgang besonders krass. Demgegenüber fällt hier ein Trend der Bevölkerungsexplosion der Tauben auf. In Verkennung der Tatsache, dass Tauben keine Allesfresser sind, hat man in Basel deshalb begonnen, den gurrenden Tieren Verhütungspillen in Form von Spezial-Maiskörnern unters Futter zu streuen.

 

Aber siehe da: Anders als ihre auch pillenschluckenden menschlichen Fütterer verschmähten die Vögel die vom Allesfresser hingestreute Familienplanung! Als spezialisierte Fresser vermehrten sie sich weiterhin sehr üppig und zwangen damit den Allesfresser Mensch, sich in den anachronistischen Zustand des Jagens zurückzuversetzen: Durch einen Beamten des baselstädtischen Amtes für Jagd- und Tierwesen lässt das für Ruhe und Ordnung (und damit gegen eine sich emsig vermehrende, Häuser, Strassen und Plätze verunreinigende Vogelschar) zuständige Polizeidepartement einzelne Exemplare der gefiederten Freunde von Zeit zu Zeit unauffällig und gezielt abschiessen - offenbar die einzige (wenngleich überwunden geglaubte und bei sensiblen Allesfressern nicht gerade beliebte) Methode, der Vermehrungswut des spezialisierten Körnerfressers Taube einigermassen Herr zu werden.  

    

(Erschienen im Nebelspalter Nr. 18/1985)